Apathisch warten.



Früher hätte ich mir jetzt eine Höhle gebaut Rolf Zuckowski gehört und Astrid Lindgren gelesen. In jedem Fall hätte ich mich erfolgreich vor der Welt und mir selbst versteckt. 

20 Jahre später gestaltet sich das mit dem Verstecken etwas schwieriger. Doch manchmal schafft man es sich so gut zu verstecken, dass man sich selbst nicht mehr wahrnimmt. Nicht mehr findet. Nicht mehr spürt.

Apathisch starren.

Apathisch atmen.

Apathisch warten.

Darauf, dass dieser Zustand endet. Darauf, dass irgendjemand gerade mal Dein Leben in die Hand nimmt. Oder Dich.  Ich schau mir im Moment ständig beim Warten zu. Ich warte die ganze Woche darauf, dass Wochenende ist. Dann ist Freitagabend und Du atmest einmal tief ein, schon ist Sonntag. Und mit Sonntag meine ich Panikattacken und Heulkrämpfe, die sich mit apathischem auf genau diese Warten abwechseln.

Apathisch atmen.

Apathisch wippen.

Apathisch warten.

Auf den Montag. Auf die nächsten Panikattacken. Die nächsten unbändigen Heulkrämpfe gefolgt von nichts. Unaufhaltbar viel nichts. Gefühlskalt und desillusioniert. Gefangen zwischen Wutaus- und Nervenzusammenbruch schleppst Du Dich mit letzter Kraft bis Freitag. Und weiter geht's. Tief einatmen und mit Glück noch ein, zwei Mal durchatmen bevor es von vorne losgeht.

Apathisch sitzen.

Apathisch trinken.

Apathisch warten.

Darauf, dass der Kaffee mit viel Zucker jetzt doch bitte endlich seinen gottverdammten Job macht. Ich weiß genau, was ich tun muss, damit es mir besser geht. Kaffee hilft gegen diese unfassbare Müdigkeit, der Zucker bringt die Stimmung auf Trab. Die richtige Musik, die richtigen Gedanken und schon lenk ich von der Einbahnstraße Alltag in Richtung Gefühlsgabelung - die Maske sitzt, die Gefühle passen wieder in den Alltagsrahmen und ich drohe nicht mehr aus meinem eigenen zu fallen. Ibuprofen gegen den Kopfschmerz, eine Vomex und ein Hoch auf die gleich verschwindende Übelkeit - weiter geht's. Auf geht's.

Apathisch tippen.

Apathisch lachen.

Apathisch warten.

Auf die gute Laune, die ich mir fast selber glaube. Soll sie doch auch wirklich kommen. Auf das ehrliche Lachen, dass den Tag dann doch noch rettet. Auf den kreativen Aufschwung, denn auf den ist Verlass, wenn ich innerlich im Kreis laufe. Mein innerliches Karussell fahren führt zu kreativen Ergüssen und extrem guten Leistungen. Die mich aber umso mehr anstrengen und nach Feierabend fordern.

Apathisch blinzeln.

Apathisch freuen.

Apathisch warten.

Auf die Verabredung mit Freunden, die ich wahrscheinlich wieder absagen werde. Fadenscheinige, aber keineswegs unglaubwürdige Gründe um zu begründen, was nicht zu erklären ist. Ich will nicht. Ich will keine Nähe, keine Fragen, keine Vorwürfe. Ich will keine ständigen von mir initiierten Themenwechsel und keine besorgten Gesichter.  Ich will einfach nur schlafen. In mein Bett. Meine Höhle. Ich bin müde. Mit Sicherheit nichts lebensmüde, aber des Lebens müde. So liege ich im Bett. Der Körper im Halbschlaf, das Gehirn auf Hochtouren. Aber bald ist wieder Wochenende. Und es heißt wieder und weiter

apathisch warten.

Ich weiß, dass es so nicht weiter geht. Ich weiß, dass ich selbst den Arsch hochkriegen muss. Ich weiß, dass ich meines eigenen Glückes Schmied bin. Ich weiß, dass es mir eigentlich so verdammt gut geht. Ich weiß, dass ich liebe und geliebt werde. Ich weiß, dass ich genau die Falschen verletze, wenn ich mich wieder in mir selbst verstecke. Aber ich versteck mich doch nicht vor Euch. Sondern vor mir. Und ich verspreche Euch, ganz bald sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Ganz bald mach auch ich aus dunkelgrau wieder kunterbunt. So wie Ihr es von mir gewohnt seid. Ich fange langsam an. Mach mir mein Leben endlich wieder widde widde wie es mir gefällt und nerv Euch mit meiner viel zu positiven Art. Ganz bald. Versprochen.

Aber bis dahin, lasst mich noch ein bisschen warten. Noch ein oder zwei mal die Decke über den Kopf ziehen und liegen bleiben. 

Apathisch warten. 

Kommentare

  1. Danke für so passende und gute Worte in einer Situation, die ich fast genauso erlebe. Jetzt gerade. Und doch die passenden Worte nicht finde. Ich bin müde. Müde von all dem Fühlen, Denken und Erleben. Und doch bleibt es nur eine Zeit. Pass auf dich auf.

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    1. Danke für Deine lieben Worte! Und dass von Dir als Schreiber. :) Pass Du bitte auch auf Dich auf.

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